Apulei'scher Blog


12.05.2017

Das Rationale im Irrationalen

Mein letzter Blogeintrag ist nun schon ein Weilchen her. Das liegt nicht daran, dass mir die Ideen ausgehen oder es in der Welt keine interessanten Themen mehr gibt. Denn sind wir ehrlich, so lässt sich aus rechts- und staatsphilosophischer Sicht doch Einiges über den „großen“ Trump oder seine Mitstreiter auf der politischen Bühne der Welt sagen. Vielmehr liegt es daran, dass ich selbst noch andere Projekte verfolge. Eines davon führt mich zurzeit geradewegs zum Abschluss eines zertifizierten Mediators.

Was so ein Mediator macht, spare ich aus zu erklären. Allerdings kann ich eine solche Weiterbildung nur empfehlen – zumindest, wenn man dadurch so viel positiven Input aus der ökonomischen Praxis bekommt. Da merkt man gleich den Unterschied zwischen der Elfenbeinturm Sichtweise von Universitätsbediensteten und Menschen, die tatsächlich ein Interesse haben, einen wirtschaftlich weiterzubringen. Wie dem auch sei, das ist ein Sonderthema – man lernt besser daraus, indem man es erfährt, anstatt es nur zu lesen.

Jedenfalls birgt der Mediationsprozess einige Aspekte, die für die Betrachtung der menschlichen Natur erhellend sind. Zweifelsohne sind Menschen kommunikative Wesen. Egal ob wir den Menschen aristotelisch als zoon politikon, wirtschaftswissenschaftlich als homo oeconomicus oder kulturtheoretisch als homo ludens begreifen, wir kommunizieren ständig. Selbst wenn es nur mit uns selbst im geistigen Monolog bzw. besser im Soliloquium ist. Ganz platt im Sinne der Informationstheorie gesprochen, geht es dabei um das Verarbeiten von Signalen, die bestimmte Informationen beinhalten. Wenn diese Informationen ein zusammenhängendes Ganzes bilden, so nenne wir das für gewöhnlich Nachrichten.

Jeder der sich länger mit Logik beschäftigt hat, kann bestätigen, dass Nachrichten rationale Strukturen aufweisen. Schließlich könnten wir sie sonst nicht verstehen bzw. dechiffrieren. Anhand der rationalen Strukturen lässt sich somit erkennen, was und ob etwas über die Welt ausgesagt wird. Allein vom Standpunkt der allgemeinen Logik aus, präsentieren uns Nachrichten wahre oder falsche Aussagen. Stimmt die Aussage einer Nachricht mit dem Weltgeschehen überein, so ist sie wahr, andernfalls ist sie falsch.

Im sozialen Miteinander der Kommunikation tritt zu den rationalen Strukturen unseres Verstandes aber noch der irrationale Faktor, der von uns gelebten sozialen Wirklichkeit. Hier spielen auf einmal Emotionen eine fundamentale Rolle in der Bewertung der eigenen Erfahrung. Diese Emotionen versperren oftmals eine mehr oder weniger objektive Sicht auf die Dinge. Oder anders gesagt, sie grenzen unsere Fähigkeit nach einer objektiven Sichtweise zu streben erheblich ein. Juristen werden dies bestätigen, denke man nur daran, wie unterschiedlich Augenzeugen ein und denselben Sachverhalt schildern.

Meiner Meinung nach sind Emotionen daher auch ursächlich für irrationale „Beigaben“ bei der Definition von Begriffen. Was zwangsläufig zu Konflikten in der Kommunikation führt. Auf den ersten Blick mag dies seltsam sein. Schließlich unterliegt die Definition von Begriffen rein rationalem vorgehen. Wie aber schon Schulz von Thun in seinem Vierebenenmodell herausgestellt hat, kann die Äußerung solcher Begriffsinhalte auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Wir können z.B. sagen, dass unsere Teetasse leer ist. Auf der Sachebene, wo es nur um das bloße Faktum geht, besteht kein Problem. Das können wir rein logisch auffassen und die Wahrheit oder Falschheit der Aussage feststellen. Zugleich können wir damit aber auch aussagen, dass uns das ärgert. Wir geben somit etwas über uns selbst preis. Wir können aber auch eine bestimmte Art von Beziehung zu unserem Gegenüber dadurch ausdrücken, indem wir unsere Enttäuschung zum Ausdruck bringen, dass man uns nicht sofort nachgeschenkt hat. Letztlich lässt sich damit aber auch ein Apell ausdrücken, dass doch bitte irgendjemand den verdammten Tee nachgießen soll.

Grundsätzlich laufen solche Modelle auf die Erkenntnis heraus, dass Sagen und Meinen voneinander unterschieden ist. Unter einem Gesagten gibt es vieles Gemeintes. Wer ein wenig in Logikgeschichte bewandert ist, weiß, dass das Schulz von Thun Modell unterkomplex ist. Bereits in der Antike und im Mittelalter hat man zig Äußerungsebenen ausfindig gemacht, die man entweder unter logische oder rhetorische Systeme gezwungen hat.

Wie man jedoch gut an den obigen Modell erkennen kann, unterliegt jedem Meinen, ausgenommen die Sachebene, eine emotionale Beigabe. Mag es sein, dass man sich gegenüber anderen Geltung verschaffen oder man sich seinem eigenen Befinden versichern will. Die verwendeten Begrifflichkeiten bekommen somit also eine emotionale Mehrbedeutung, die sie in unbedingter Weise nicht hätten. Der Begriff der Teetasse kann daher z.B. ein irrationales Prädikat der Wertschätzung oder Abschätzung enthalten. Was den Begriff selbst irrational macht. Denn er lässt sich somit nicht mehr bedingungslos kommunizieren. Denn man muss Kenntnis von der subjektiven Wirklichkeit eines Menschen haben. Schließlich ist sie die Bedingung unter der die irrationale Prädikation ihren Sinn hat. Insofern kann es daher auch zu Konflikten in der Kommunikation kommen.

Interessanterweise bedeutet das aber auch, dass der Irrationalität einer Aussage etwas Rationales zugrundeliegen muss. Denn dies stellt innerhalb eines Begriffs die Prädikate dar, durch die er überhaupt erst von jemandem verstanden werden kann, der außerhalb der subjektiven Wirklichkeit des Individuums steht, dass die irrationalen Prädikate beigelegt hat. Somit ergibt sich der Schluss, dass irrationale Aussagen ein rationales Fundament haben, durch welches sie für jeden verstehbar sind. Irrationales setzt somit Rationales voraus.




04.11.2016

Gender Studies

Wenn man in der Universitätslandschaft geisteswissenschaftlich unterwegs ist und vielleicht das Vergnügen hat, dass man Aufsätze für eine Zeitschrift lektorieren darf, kommt an der Meinung der Geschlechterforscher*innen nicht vorbei. Grundsätzlich sagen diese, dass alle Menschen „genderneutral“ seien. D.h., dass unser Geschlecht nicht von vornherein feststehend ist. Erst indem wir kulturellen Einflüssen ausgesetzt sind, werden wir als männliche oder weibliche Individuen konstruiert. Im Grunde ist somit unser Geschlecht, worunter diese auch das biologische Geschlecht zählen, nur ein soziales Konstrukt. Was man daher unter dem Geschlecht versteht oder wie man das seinige verstanden haben will, ist beliebig. Männliches und weibliches Geschlecht sind somit nur zwei Varianten, die sich aus dem Gattungsbegriff „Geschlecht“ ausdifferenzieren lassen.

Diese Position zu hinterfragen ist für gewöhnlich schwierig. Das liegt nicht daran, dass sie unumstößlich wahr wäre. Vielmehr ist das Problem, dass man im Diskurs mit den Vertreter*innen stets den Eindruck bekommt, dass man mit seinen Argumenten ohnehin falsch liegt, weil man nicht über den Tellerrand schauen kann und im dualistisch geprägten System kultureller Geprägtheit gefangen ist. Ein Diskurs der auf Augenhöhe stattfindet ist das nicht, wenn sich nicht beide Parteien ernst nehmen. Daher sind solche Auseinandersetzungen für gewöhnlich auch nicht sehr ergiebig.

Da dieses Problem an dieser Stelle wegfällt, können wir den Versuch unternehmen, einmal oberflächlich die Meinung der Genderneutralität zu überprüfen.

Schauen wir zunächst auf den Begriff der Konstruktion. Dem lateinischen Ursprung nach handelt es sich dabei um etwas Zusammengefügtes. Ist etwas ein soziales Konstrukt, lässt es sich folglich als etwas durch eine Gesellschaft Zusammengefügtes verstehen. Einige Geschlechtsforscher*innen sind der Meinung, dass man dies sehr gut an der Sprache sehen kann. Denn oftmals weisen die Grammatiken eine Übereinstimmung von grammatischen und natürlichen Geschlechtern auf. Im Deutschen haben wir neben dem neutralen Geschlecht z.B. das männliche und weibliche Geschlecht. Weil die Sprache nun Bestandteil unserer kulturellen Prägung ist und wir uns über sie verständigen, nutzen wir sie, um unsere Umwelt zu beschreiben. Wenn es nun aber nur drei Geschlechter im Deutschen gibt, so lässt sich das natürliche Geschlecht des Menschen auch nur in diesen drei Genus beschreiben. Weiterhin erfolgt durch das Genus auch immer eine klare Zuweisung, welche Gegenstände denn nun männlich, weiblich oder sächlich seien. Man kann also auf die Idee kommen, dass eben durch diese Einteilung die Sprache bereits festgelegt, was einem männlichen oder weiblichen Geschlecht zukommt.

Linguisten müssten hier bereits aufhorchen. Denn die Idee, dass man durch die Sprache derart geprägt wird, setzt voraus, dass wir in einem Sprachraum alle dieselbe Sprache sprechen und diese nicht sonderlich interpretieren müssten. Wie Noam Chomsky in seinem Buch „New Horizons in the Study of Language and Mind“ zu Recht geschrieben hat, ist eine solche Behauptung schwer haltbar. Denn zum einen sprechen selbst die Sprachanwender einer Sprache nicht dieselbe Sprache. Schließlich unterscheiden sich unsere Stimmen und somit die Intonation unserer Laute. Eine gemeinsame Sprache wäre selbst in der Intonation identisch. Zum anderen muss man als Sprachrezipient immer interpretieren, welche Bedeutung die Laute haben, die mein Gegenüber mir vermittelt. D.h. dass ich mir die Bedeutung selbst konstruieren muss. Wenn ich Glück habe, dann treffe ich die richtige Interpretation, wenn nicht, dann habe ich meinen Gegenüber nicht verstanden. Weiterführend bedeutet dies für den Sprachrezipienten jedoch immer, dass er der Ausgangspunkt für die Konstruktion von Bedeutungen für Laute ist. Je mehr Bedeutungen eine solche Person weiß, desto größer ist damit auch der Spielraum der Interpretation. So gesehen ergibt sich jedoch ein anderes Prägungsverhältnis. Denn was auch immer uns durch die Kultur — was auch immer das sein mag —oder Sprache vorgegeben wird, unterliegt unserer Interpretation. Das ist auch verständlich, denn eine bloße Laut- oder Schriftfolge oder ein Gemälde oder selbst die Äußerungen der Geschlechtsforscher*innen haben für andere keine Bedeutung von sich aus, sofern ihnen nicht Bedeutung beigelegt wird. Somit scheidet Sprache als Garant für eine soziale Konstruktion des Geschlechts aber aus. Denn die Bedeutung der Sprache wir erst durch ihren Anwender konstruiert. Ob man diesen dann immer richtig versteht oder nur böse Unterstellungen macht… naja, das ist Interpretationssache.

Eine weitere Meinung, die man immer mal wieder liest, ist, dass selbst das natürliche Geschlecht ein soziales Konstrukt wäre. Während meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass es vergleichsweise wenig Biologen oder Genetiker gibt, die sich zum Thema Gender Studies geäußert haben. Das mag vielleicht daran liegen, dass wenn man sich mit einem solchen Unterhält, diese zu erkennen geben, von den Problemen der Geschlechtsforscher*innen noch nie etwas mitbekommen haben. Meiner Erfahrung nach wird jedoch viel darüber geschmunzelt und von Realitätsflucht gesprochen, wenn sie hören, dass das natürliche Geschlecht ein soziales Konstrukt sei. Aus biologischer Sicht ist diese Meinung auch unverständlich, weil sie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte schlichtweg ignoriert. Der Genotyp eines jeden Menschen lässt sich eindeutig bestimmen. Das genetische und somit natürlich Geschlecht ist daher festgelegt. Das heißt jedoch nicht, dass der Phänotyp, also die äußere Erscheinung, dem Genotyp entspricht. So können z.B. Gendefekte dazu führen, dass bestimmte Geschlechtsmerkmale nicht ausgeprägt werden oder schlichtweg epigenetische Einflüsse die Entwicklung beeinflussen. Dass durch die Natur nicht vorgegeben sei, was für ein Geschlecht man hat, muss daher verneint werden.

Was die Natur indes nicht vorgibt, ist die Art und Weise, wie mit Menschen umgegangen wird, die bestimmte Phänotypen aufweisen und wie diese mit sich selbst und ihrer Umgebung umgehen. Verbal geschieht dies tatsächlich für gewöhnlich in den Grenzen einer Sprache. Der Genetiker bedient sich hierfür seiner wissenschaftlichen Sprache, der Alltagsmensch seiner Muttersprache. Beide Sprachen orientieren sich in ihren Bezeichnungen an markanten Merkmalen. Würde man die Sprache des Genetikers in die Alltagssprache überführen, so ist jedoch zu bezweifeln, ob für die einzelnen Individuen gesellschaftlich mehr gewonnen wäre. Für gewöhnlich meidet der Mensch nämlich, was er nicht versteht oder was in seinen Augen nicht der „Normalität“ entspricht. Wobei Normalität zumeist die relative Häufigkeit jener Merkmale beschreibt, die am meisten vor kommen. Im Grunde ist das ein psychischer Schutzmechanismus, der in der Evolutionsgeschichte des Menschen begründet liegt. Wenn die eigene Bezeichnung z.B. bereits verrät, aufgrund welcher Gendefekte man einen bestimmten Phänotyp aufweist, kann das bereits Ablehnung und Desinteresse hervorrufen. Sofern wir davon ausgehen, dass niemand dies möchte und jeder eine faire Chance in gesellschaftlichen Kontexten wünscht, ist es wesentlich sozialer bei der Alltagssprache zu bleiben. Diese ist wenigstens dazu geeignet, dass man über Fragen zu bestimmten Merkmalen eines Menschen einen Zugang zum Charakter des Menschen erlangt. Auch wenn dies nur oberflächliche Überlegungen sind, die keiner wissenschaftlichen Abhandlung entsprechen, so stellt sich nun doch die Frage, wenn die Grundannahmen vor den Hintergründen anderer Wissenschaften nicht stimmig sind, worin das Forschungsziel der Gender Studies besteht und ob es überhaupt eines gibt. Freilich könnte man, wie es andere getan haben, unterstellen, dass hier vor allem politische Interessen im Vordergrund stehen. D.h., dass die Gender Studies vor allem ein politisches Programm durchsetzen. Nun, das ist eine mögliche Interpretation von vielen. Letztlich ist es wie mit allen anderen Anwärtern auf den Status einer Wissenschaft auch. Insofern die Geschlechtsforscher*innen sich vor den anderen Wissenschaften behaupten können, wird auch ersichtlich, was das Ziel ihres Tätigseins ist.




28.10.2016

„Was lässt sich hier wegdenken?“ oder „Die Äquivalenztheorie im Strafrecht"

Ein jeder Student der Rechtswissenschaft kennt sie und nimmt sie im Strafrecht in Gebrauch: die conditio-sine-qua-non-Formel. Mit ihrer Hilfe verknüpft man seine Kenntnisse von den Bedingungen und dem Erfolg einer Tat, sodass ein kausaler Zusammenhang zwischen Bedingungen und Erfolg erkennbar ist. Man bestimmt also Ursachen und Wirkungen. Das klingt jetzt nicht weiter problematisch, schließlich machen wir das den ganzen Tag. Z.B. wenn wir erklären, warum wir zu spät gekommen sind…

Was genau erklären wir da aber eigentlich? Der Jurist im Strafrecht kann es sich leicht machen. Denn er kann z.B. das Lehrbuch des Strafrecht Großmeisters Roxin heranziehen und sagen: „Ich nenne dir die Bedingungen für einen Erfolg, die nicht hinweg denkbar sind, ohne dass der Erfolg ausbleiben würde.“ Er oder sie sagt uns also die Ursachen, die für die Hervorbringung einer Wirkung notwendig war. Wurde z.B. Tante Erna mit einem Revolver erschossen, so ist es notwendig, dass jemand den Abzug betätigt hat und dass die Patrone daraufhin den Lauf verlassen hat. Der findige Jurastudent weiß natürlich um die Probleme, die mit der Formel verbunden sind. Denn so ein richtiges Ende in der Zuweisung von notwenigen Ursachen gibt es nicht. Ohne Eltern wäre der Schütze nie geboren worden, folglich sind die Eltern eine notwendige Ursache für Tante Ernas Erschießung. Aber auch die Eltern hatten Eltern usw. usf. letztlich wird die Entstehung des ersten Einzellers in der Ursuppe eine notwendige Bedingung für den Tod von Tante Erna. Freilich geht diese Sichtweise zu weit, schließlich wollen wir nur wissen, unter welchen Bedingungen eine Tötungshandlung stattgefunden hat. Führten wir die Tötungshandlung bis auf die Ursuppe zurück, würden wir ja annehmen, dass bereits dort Tante Ernas Tötung begonnen hätte. (Ja, Evolution kann so grausam sein.)Das ist aber absurd.

Auf den ersten Blick ist eine solche Erklärung nicht schwierig. Notwendige Bedingungen sind schließlich solche — im Gegensatz zu hinreichenden Bedingungen —, die bei deren Gegebenheit eine bestimmte Wirkung nicht ausbleiben kann. Die Farbe seines Hawaiihemdes und die Länge seines Tom Selleck Gedächtnisschauzers sind für die Tötung ohne Bedeutung. Hier steht dem Philosophen sicherlich schon das Haar zu Berge. Schließlich gibt es so etwas wie die notwendige Bestimmtheit des Vergangenen. Alles was vergangen ist, bildet bis zum jetzigen Zeitpunkt eine notwendige Folge, auch wenn deren weiterer Verlauf nicht notwendig ist. Das erklärt sich daraus, dass jeder Moment eine Wirkung seines vorangegangenen Moments ist. Wäre einer der vorangegangenen Momente anders, dann hätten wir nicht mehr dieselben nachfolgenden Momente. Betrachten wir daher eine Handlung retrospektiv, so ist für den Erfolg jeder Bestandteil der Handlung notwendig gewesen. Aber das nur als metaphysischer Einschub am Rande. Das eigentlich Schwierige bei der juristischen Erklärung eines Kausalzusammenhangs ist zu entscheiden, welche Ursachen wegdenkbar sind und welche nicht, sodass am Ende zumindest eine wahrheitsfähige Aussage über einen möglichen kausalen Verlauf besteht.

Dummerweise denkt der Jurist im Strafrecht, wie auch viele Naturwissenschaftlicher heutzutage, zumeist den Begriff der Ursache allein von der Wirkung her. Wir begreifen für gewöhnlich als Ursache dasjenige, wodurch eine bestimmte Veränderung in der Welt hervorgeht. Erklärt man z.B. in der Chemie eine Redoxreaktion, erklärt man die Veränderung eines Elektronenübergangs. Ein Oxidationsmittel nimmt Elektronen auf und ein Reduktionsmittel gibt Elektronen ab. Die beiden Mittel bewirken jeweils etwas und sind daher ursächlich für die Veränderung. Erschießt z.B. ein Mensch einen anderen, so hat der Schütze den Tod des Erschossenen bewirkt. Immer bewirkt etwas oder jemand etwas. Antike Philosophen bis zu den Großvätern der modernen Wissenschaften im 18. Jahrhundert würden sich bei solcher Denkweise ungläubig an den Kopf fassen. Denn wie wir spätestens seit Aristoteles wissen, tendiert unser Erkenntnisgewinn in der Erklärung von Vorgängen gegen null, sofern wir die Vorgänge nur von ihren Wirkungen her denken.

Aber was ist daran verqueer? Denken wir einmal allein von der Erkenntnis. Welche Erkenntnis habe ich, wenn mir erklärt wird, dass der Wille einer Person ursächlich für die Betätigung einer Waffe war. Nun stelle man sich doch den Willen einer Person vor und wie durch diesen die Betätigung einer Waffe stattfindet. Man kann sich dies nicht einfach so vorstellen, denn der Vorstellung und somit einer möglichen Erklärung fehlen essenzielle Bestimmungen. Um eine Veränderung in der Welt zu erklären, ist die Angabe einer solchen Wirkursache (causa efficiens) also unzureichend. Aber warum? Seit der Antike wissen wir, dass durch bestimmte Arten von Materie auch nur bestimmte Wirkungen hervorgehen können. Die Kenntnis von der Beschaffenheit der Materie ist somit wichtig, um erklären zu können, wie etwas wirken kann. Das mag trivial erscheinen, doch das Abschießen einer Magnum bedarf für gewöhnlich eines Körpers aus Fleisch und Knochen. Sowohl Fleisch als auch Knochen müssen dazu geeignet sein, um dem Willen der Person Folge zu leisten. Genauso muss aber auch die Materie der verwendeten Mittel geeignet sein, um die beabsichtigte Handlung durchzuführen. Mit einer Wasserpistole lässt sich Tante Erna schließlich schlecht totschießen. Für eine Kausalerklärung ist insofern die Angabe einer solchen Materialursache (causa materials) notwendig. Eine Erkenntnis, die übrigens Peter Higgs den Nobelpreis für Physik einbrachte. (Materie muss ja irgendwie beschaffen sein, damit sie auch Masse hat und somit wirken kann…)

Damit aber noch nicht genug. Denn die Erkenntnis der Materie und der Wirkursache ergibt nur ein wüstest Durcheinander. Erst indem man dieses ordnet, indem man einzelne Bestandteile mit ihren Eigenschaften bezeichnet, ist erkennbar, welche Bestandteile eine Kausalerklärung hat. So lassen erst die Eigenschaften erkennen, die einen Revolver zu einem Revolver machen, dass ein Haufen Metall auch ein Revolver ist und nicht etwa ein Topf. Gleiches gilt für den Haufen aus Knochen und Fleisch. Erst wenn ihm die Eigenschaften des Menschseins zugesprochen werden, ist erkennbar, dass ein Mensch der Schütze ist, der Tante Erna tötet. Ohne dass wir von der Form der Dinge wissen, können wir also auch keine Vorgänge erklären. Insofern ist auch die Formursache (causa formalis) der Dinge ein notwendiger Bestandteil einer Kausalerklärung. Um eine solche geben zu können, müssen wir nur noch eines wissen: „Weshalb hat eine bestimmte Veränderung stattgefunden?“ oder anders gefragt: „Was war das Ziel der Veränderung?“ Die Antwort auf diese Frage sagt uns, was für eine Art von Handlung überhaupt hervorgebracht werden sollte bzw. ob die Handlung überhaupt abgeschlossen ist. Für gewöhnlich fragt der Jurist danach auch, doch unterscheidet sich seine Antwort von der des Philosophen. Denn strenggenommen ist der Nicht-Eintritt des Taterfolgs aus philosophischer Sicht eine Handlung, die noch nicht geschehen ist. D.h. sie kann entweder noch geschehen oder sie bleibt auf ewig unvollendet. Geschieht sie, so ist auch erst durch die Erreichung des Ziels aussagbar, welche Handlung es war. Geschieht sie nicht, lässt sich auch nicht sagen, dass es überhaupt eine Handlung war. Denn unbestimmt bleibt, welchen Zweck die Herbeiführung bestimmter Veränderungen hatte… der vermeintliche Schütze kann ja auch nur rumgezappelt haben. Wenn der Schütze nicht von selbst Auskunft darüber gibt, weshalb er geschossen hat, bliebe die Zurechnung einer jeden Handlung leider rational nicht nachvollziehbar. Mag für den Richter unangenehm sein, ist aber so. Für die Erklärung des Kausalzusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung ist insofern auch eine Zielursache (causa finalis) notwendig.

Wie wir jetzt leicht sehen können, müsste eine verständliche Kausalerklärung nach der conditio-sine-qua-non Formel mindestens vier Ursachen beinhalten: causa materialis, causa efficiens, causa formalis, causa finalis.


21.10.2016

Das Haufen-Problem?

Was macht eigentlich ein Philosoph so den ganzen Tag? Eine Antwort, die ein Kollege im Strafrecht (Prof. Dr. R.) gegeben hat: „Der denkt den ganzen Tag darüber nach, wann ein Haufen beginnt ein Haufen zu sein.“

Natürlich machen wir das nicht den ganzen Tag… und überhaupt stellt sich die Frage, warum man sich bitteschön darüber Gedanken machen sollte. Praktisch kommt man schließlich nie in die Verlegenheit sich zu fragen, wann ein Haufen ein Haufen ist.

ABER nehmen wir einmal an:

Einst im alten Ägypten. Die Sonne erhellt die gelbe Flur und irgendwo stehen die Griechen Eubulides und Zenon in weißer Toga gekleidet und unterhalten sich.

Eubulides: „Das ist ein ganz schön großer Haufen Sand.“

„Das ist kein Haufen Sand, das ist eine Wüste.“ bemerkte Zenon.

Die Zeit verstrich und ein Kamel zeigte sich am Horizont.

„Natürlich ist die Wüste ein Haufen Sand.“ beschwerte sich Eubulides.

Das Kamel kam näher.

„Nein, die Wüste besteht aus mehreren Haufen Sand.“ verbesserte Zenon Eubulides.

„Ach ja?“ entgegnete Eubulides

„Worin unterscheidet sich denn bitte ein Haufen Sand von einer Wüste? Das ist doch dasselbe.“

„Eine sehr gute Frage.“ antwortete Zenon.

Das Kamel kam noch näher.

„Eubulides, du fragst also danach, ab wann ein Haufen Sand eine Wüste ist, wenn das eine vom anderen verschieden sein soll?“

Eubulides nickte und das Kamel stand nun vor den beiden und hörte Zenon zu.

„Reduzieren wir doch die Frage auf ein Maß, welches wir überschauen können. Wenn die Wüste aus mehreren Sandhaufen besteht, so müssen wir zuerst überprüfen, wann ein Sandhaufen beginnt ein Sandhaufen zu sein. Denn danach entscheidet sich, ob die ganze Wüste ein Sandhaufen ist oder sie aus mehreren Sandhaufen besteht.“

Das Kamel nickte.

„Wie offensichtlich ist, besteht ein Sandhaufen aus Sandkörnern. Doch wann wird aus einer Anzahl Sandkörner ein Sandhaufen? Vielleicht können wir ja sagen, dass so ein Haufen aus einer Anzahl wohlunterschiedener Dinge besteht.“

Eubulides entgegnete beistimmend: „Das scheint mir richtig. Denn wir können z.B. aus einem Sandhaufen jedes Sandkorn herausnehmen und von den anderen unterscheiden. Die Anzahl all dieser Sandkörner macht dann unseren Haufen aus.“

Das Kamel richtete seinen Kopf zu Zenon, als dieser sagte: „Nun stellt sich aber die Frage, ab wie vielen Sandkörnern unsere Definition des Haufens erfüllt ist. Fangen wir am besten bei einem Sandkorn an. Niemand würde sagen, dass ein Sandkorn bereits ein Haufen ist. Doch warum? Nach unserer Definition müssten es mehrere wohlunterscheidbare Sandkörner sein, die einen Haufen bilden. Weder ist ein Sandkorn mehrere Sandkörner, noch kann ich bei der Gegebenheit von nur einem Sandkorn dieses von anderen unterscheiden. Es sind ja keine anderen da.“

Wiederum nickte das Kamel zustimmend.

„Wie sieht es aber nun bei zwei Sandkörnern aus?“ fragte Zenon. „Zwei Sandkörnern sind mehrere Sandkörner. Ein Teil unserer Definition ist also erfüllt. Aber kann ich diese zwei Sandkörner wohl voneinander unterscheiden? Ihrem Material nach nicht. Denn beide Sandkörner sind aus demselben Material. Dahingehend sind sie identisch und nicht unterschieden. Wie sieht es mit ihrer Lage aus? Wir könnten doch sagen, dass das eine Sandkorn dem anderen gegenüber liegt. Aber das trifft doch auch wieder auf beide zu. In bestimmter Weise scheinen wir daher zwei Sandkörner nicht voneinander unterscheiden können. Eigentlich können wir nur feststellen, dass beide irgendwie voneinander unterschieden sind.“

Darauf Eubulides: „Das bedeutet also, dass wir auch bei einer Anzahl von zwei Sandkörnern nicht davon sprechen können, dass es sich um einen Haufen handelt. Schließlich können wir sie nicht wohl voneinander unterscheiden. — Aber sag Zenon, wie sieht es mit drei Sandkörnern aus?“

„Nun, lieber Eubulides, drei Sandkörner sind ganz bestimmt mehrere Sandkörner. Aber können wir sie wohl voneinander unterscheiden? Ihrem Material nach nicht. Ein Sandkorn besteht nun einmal immer aus demselben Material. Aber wie sieht es mit der Lage aus? Für jedes Sandkorn könnte ich doch angeben, wie es sich allein durch seine Lage von den anderen Sandkörnern unterscheidet. So lässt sich sagen, dass ein Sandkorn z.B. zwei weitere links neben sich hat. Ein anderes Sandkorn hat sowohl ein Sandkorn links neben sich als auch ein anderes rechts neben sich. Und letztlich lässt sich sagen, dass ein Sandkorn zwei Sandkörner rechts neben sich hat. Der Lage nach können wir also jedes Sandkorn sehr gut von den anderen Sandkörnern unterscheiden.“

Daraufhin bemerkte Eubulides: „Großartig! Dann können wir also schließen, dass ein Sandhaufen ab einer Anzahl von drei Sandkörnern beginnt. — Wie sieht es jetzt aber mit der Wüste aus?“

Schnaubend blickte das Kamel Zenon an. „Wie es aussieht, lieber Eubulides, liegen wir mit unseren beiden Aussagen beide richtig. Wenn ein Sandhaufen bei drei Sandkörnern beginnt, dann besteht die Wüste aus vielen kleinen Sandhaufen. Für unseren Haufen scheint es aber keine Anzahl von Dingen zu geben, die ihn zu groß macht, als dass er ein Haufen sein könnte. Weil die ganze Wüste voller Sandkörner ist, muss sie also auch ein einziger Haufen Sand sein. Unsere Lösung ist also die Paradoxie: Die Wüste ist ein Sandhaufen und viele Sandhaufen zugleich.“

Nach dieser Äußerung wandte sich das Kamel mit rollenden Augen von den beiden Griechen ab und dachte: „Ich muss aufhören diese Kakteen zu essen.“


14.10.2016

Warum Apuleius?

Man wird sich vielleicht fragen, warum ich gerade den Namen des Apuleius (123-170) von Madaura gewählt habe. Schließlich kennt man ihn als antiken Schriftsteller, der durch seine „Metamorphosen“ — vor allem durch „Amor und Psyche“ — auch heute noch bekannt ist. Mit der Lehre der Weisheit, die wir für gewöhnlich Philosophie nennen, hat er und sein Werk anscheinend nichts zu schaffen. Die Wahl des Namens wirkt daher willkürlich. Doch wie so oft trügt der Schein. Die Philosophie hat Apuleius eines der bedeutendsten Instrumente zur Analyse des menschlichen Denkens zu verdanken. Wir kennen es heute als das logische Quadrat; Apuleius nannte es in seinem Buch „De philosophia rationali“ (Über die Philosophie des Verstandes) jedoch die quadrata formula, also die quadratische Formel.

Doch was hat es damit auf sich und warum ist sie so bedeutend? Ohne die Bedeutung der Begriffe zu wissen, die mit dem Wort des logischen Quadrats verbunden sind, bleibt das Wort selbst ein Rätsel. Schärfen wir also unseren Verstand und unternehmen wir den Versuch, dieses faszinierende Rätsel zu lösen.

Wie bei so vielen grundlegenden Erklärungen, kommt man an einem Namen im Abendland nicht vorbei, nämlich an dem des Griechen Aristoteles (384-322). Aristoteles, an vielen Dingen interessiert, überlegte, nach welchen Gesetzmäßigkeiten unser Denken funktioniert und wie es überhaupt sein kann, dass wir verstehen, was uns ein anderer sagen will. Dabei fand er heraus, wie wir in seiner Schrift „perí hermēneías“ nachlesen können, dass sich Menschen hauptsächlich über Aussagen verständigen. Diese bestehen aus Begriffen, die wir durch die Benutzung von Wörtern kommunizieren. Wenn wir etwas über etwas aussagen, dann tun wir dies entweder bejahend oder verneinend und entweder sagen wir es über alle Dinge aus oder nur einen Teil der Dinge. Für uns mag diese Erkenntnis trivial sein und ob sich allein darin unser Denken erschöpft, darüber lässt sich sicherlich streiten, doch ist damit ein Fundament für vernünftige Auseinandersetzungen geschaffen.

Apuleius knüpfte bei der Entwicklung der quadrata formula an diese Gedanken des Altmeisters an. Er fragte sich, wie die schon von Aristoteles aufgefundenen Bestandteile einer Aussage umgestellt werden können und wie die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen einander bedingen. Bei der Beantwortung der Frage fand er heraus, dass sich die Beziehungen der Aussagen in einem Quadrat, wie es hier darunter zu sehen ist, veranschaulichen lassen.

Auch wenn die Behauptung Aristoteles mehr gerecht wird als Apuleius, so lässt sich das logische Quadrat auf vier Aussagen reduzieren. Wollen wir etwas bejahend über eine Gesamtzahl von Dingen aussagen so könnten wir z.B. mit Apuleius sagen: „Omnis voluptas bonum est.“/ „Jedes Vergnügen ist gut.“ wöllten wir dasselbe nur verneinend aussagen, könnten wir „Omnis voluptas bonum non est“ / „Jedes Vergnügen ist nicht gut.“ sagen. Nehmen wir nun einmal an, dass die erste Aussage wahr ist. Schließt sich dann nicht aus, dass die zweite verneinende Aussage auch wahr sein kann? Das beide Aussagen zugleich wahr sind, scheint sich auszuschließen. Heutzutage sagt man dazu, dass diese Aussagen in einem konträren Verhältnis stehen. D.h. dass beide nicht zugleich wahr sein können. Wie sieht es aber mit der Falschheit aus? Ist es nicht auch so, wenn eine von beiden falsch ist, die andere wahr sein muss? Warum sollte dies der Fall sein? Wenn es falsch ist, dass jedes Vergnügen gut ist, muss nicht zwangsläufig wahr sein, dass jedes Vergnügen nicht gut ist. Wenn wir uns recht erinnern, dann können wir schließlich auch etwas nur über einen bestimmten Teil von etwas aussagen. So könnte es doch sein, dass nur einige Vergnügungen gut oder nicht gut sind. Ist das aber der Fall, so können unsere beiden Aussagen auch zugleich falsch sein. Eine konträre Beziehung zwischen Aussagen sagt dann aus, dass zwei Aussagen nicht zugleich wahr aber zugleich falsch sein können. Dass jedes Vergnügen gut ist und jedes Vergnügen nicht gut ist, kann folglich niemals zusammen wahr sein, falsch sein, kann es jedoch allemal.

Betrachten wir nun einmal die Aussagen, die nur etwas über einen Teil aussagen. Apuleius kannte sie unter dem Namen „particularis dedicativa“ bzw. „particularis abdicativa“, also als partikulär Bekräftigenden und partikulär Verwerfenden. Wir sagen dazu heute eher partikulär bejahende und partikulär verneinende Aussagen. Zu den partikulär bejahenden Aussagen gehört z.B. „Quaedam voluptas bonum est.“ / „Einige Vergnügungen sind gut.“ und zu den partikulär verneinenden gehört z.B. „Quaedam voluptas bonum non est.“ / „Einige Vergnügungen sind nicht gut.“ Können diese, wie unsere Aussagen zu Beginn, gemeinsam falsch sein? Nein, können sie nicht. Denn wenn es falsch ist, dass einige Vergnügungen gut sind, dann muss es doch wahr sein, dass es zumindest einige Vergnügungen gibt, die nicht gut sind. Dasselbe gilt für den umgedrehten Fall. Wie sieht es damit aus, wenn wir annehmen, dass beide Aussagen wahr sind? Darin scheint kein Problem zu bestehen. Denn wenn es wahr ist, dass einige Vergnügungen gut sind, dann kann es auch wahr sein, dass einige Vergnügungen nicht gut sind. Verhält es sich aber nicht so, dass auch eine der Aussagen wahr sein kann und die andere falsch? Wenn es schließlich wahr ist, dass einige Vergnügungen gut sind, ist damit nicht gesagt, dass es irgendeine Vergnügung gibt, die nicht gut ist. Wir können somit also sehen, dass eine der beiden Aussagen wahr sein kann, während die andere falsch ist. Für die Beziehung der Aussagen zueinander heißt dies, dass sie entweder sowohl beide wahr sein können oder eine von ihnen wahr ist, während die andere falsch ist. Nur dass beide zugleich falsch sind, schließt sich aus. Heutzutage nennt man dieses Verhältnis auch ein subkonträres Verhältnis.

Erschöpft sich darin aber schon die Besonderheit des logischen Quadrats? Auch wenn der Stoff trocken ist, erschöpft sich seine Trockenheit darin noch nicht. Nehmen wir nämlich einmal an, dass die Aussage: „Jedes Vergnügen ist gut.“ wahr ist, so schließt dies doch aus, dass die Aussage „Einige Vergnügungen sind nicht gut“ wahr sein kann. In diesem Fall widerspricht die Wahrheit der einen Aussage der Wahrheit einer anderen. Das Verhältnis in dem sie stehen, ist also ein kontradiktorisches Verhältnis. Selbiges gilt für das Verhältnis der Wahrheit der Aussage „Jedes Vergnügen ist nicht gut.“ und „Einige Vergnügungen sind gut.“. Ist eine der Aussagen wahr, so würde die Behauptung der Wahrheit der anderen ihr widersprechen. Dies gilt jedoch nicht, wenn beide Aussagen entweder bejahend oder verneinend zugleich sind. Denn die Aussage „Jedes Vergnügen ist gut.“ impliziert, dass es einige Vergnügen gibt, die gut sind. Beide Aussagen können daher zugleich wahr sein. Genauso impliziert die Aussage „Jedes Vergnügen ist nicht gut.“, dass es einige Vergnügen gibt, die nicht gut sind. Auch hier können beide Aussagen zugleich wahr sein. Gerade hier kann es am Verständnis ein wenig hapern. Wenn eine Aussage über alles wahr ist, wieso ist dann eine Aussage, die einen Teil davon dasselbe zuschreibt auch wahr? Ganz einfach! Was für ein Ganzes gilt, gilt auch für seine Teile. Nehme ich aus einem Glas Wasser, so bleibt das entnommene Wasser immer noch Wasser, auch wenn es kein Ganzes mehr bildet. Ähnlich verhält es sich bei der Wahrheit von Aussagen. Wenn eine Aussage über alle Gegenstände derselben Art wahr ist, dann ist eine Aussage, die dasselbe über einen Teil dieser Gegenstände aussagt, auch wahr. Hieraus sehen wir, dass die umfänglicheren Aussagen die Wahrheit oder Falschheit ihrer partikulären Gegenstücke beinhalten. Daher nennt man die Beziehung der Aussagen zueinander auch eine Implikation.

Zugegebenermaßen sind diese Erkenntnisse nicht unbedingt die spannendsten. Wesentlich spannender wird es leider auch nicht, wenn man, wie Apuleius, noch darüber nachdenkt, ob die Aussagen inhaltlich gleich bleiben, wenn man ihre Bestandteile umstellt. D.h. ob z.B. die Aussage „Nicht jedes Vergnügen ist gut.“ gleichbedeutend ist mit „Jedes Vergnügen ist nicht gut.“ usw. Dennoch bilden diese Erkenntnisse die Grundlage für nachvollziehbares philosophisches und wissenschaftliches Arbeiten. Vor diesem Hintergrund nimmt Apuleius also nicht nur eine besondere Stellung in der Geschichte der Philosophie ein, sondern auch für die Methoden der wissenschaftlichen Arbeitens, die hier vermittelt werden sollen.